Kelim
Kelim ist der gewebte Teppich des Orients ohne Flor, beidseitig nutzbar. Überblick über die wichtigsten Stilrichtungen aus Persien, Afghanistan, Anatolien und dem Kaukasus.
- Region
- Persien / Iran
- Kategorie
- Kelim
- Herstellung
- Handgewebt
- Knotendichte
- Flachgewebe (keine Knoten)
Steckbrief
- Herstellung
- Handgewebt
- Herkunft
- Persien, Afghanistan, Türkei, Kaukasus
- Flormaterial
- Flachgewebe (kein Flor)
- Knotendichte
- Flachgewebe (keine Knoten)
- Besonderheiten
- Beidseitig verwendbar, leicht, oft geometrische Muster, abstrakte Symbolik




Foto: Morgenland Teppiche
Ein Kelim ist ein flachgewebter, florloser Teppich, der nicht geknüpft, sondern aus Kett- und Schussfäden gewebt wird. Der Begriff steht nicht für einen einzelnen Stil, sondern für eine ganze Familie von Flachgeweben, die sich vom Westen Anatoliens über den Kaukasus bis nach Persien, Afghanistan und Zentralasien zieht. Diese Stil-Seite ordnet die wichtigsten Kelim-Typen ein und verlinkt auf die einzelnen Provenienzen. Eine ausführliche Einführung in Technik und Geschichte bietet die Kategorie-Übersicht Kelim.
Was ist ein Kelim?
Ein Kelim ist ein gewebter Teppich ohne Knoten und ohne Flor. Sein Muster entsteht allein durch farbige Schussfäden, die im dichten Wechsel über und unter die gespannten Kettfäden geführt werden und die Kette vollständig abdecken. Weil kein geknüpfter Pol vorhanden ist, bleibt die Oberfläche flach, das Gewebe dünn und auf beiden Seiten nahezu gleich gemustert. Der Kelim gehört damit nicht zu den geknüpften, sondern zu den gewirkten Teppichen, deren Herstellung die Seite Weben im Bereich Herstellung behandelt.
Das Wort Kelim, persisch gelim, bedeutet so viel wie flach weben oder ausbreiten. Kelims zählen zu den ältesten textilen Erzeugnissen der Menschheit und wurden von nomadischen wie sesshaften Völkern gefertigt: als Sitz- und Schlafunterlage, als Wandbehang, Vorratssack und Satteltasche. Den Überblick über alle Teppicharten gibt die Seite Teppicharten.
Herkunft
Das Flachweben ist älter als das Knüpfen. Schon bevor der Florknoten erfunden wurde, fertigten Menschen gewebte Decken und Unterlagen aus Wolle. Funde aus Anatolien, etwa die Wandmalereien von Çatalhöyük aus dem siebten vorchristlichen Jahrtausend, zeigen geometrische Webmuster, die heutigen Kelims auffällig ähneln. Über die islamische Welt verbreitete sich die Technik in einem zusammenhängenden Gürtel von Nordafrika bis Zentralasien.
In jeder Region prägten Stämme und Werkstätten eine eigene Handschrift. Aus dem südpersischen Fars kommen die kräftigen Stammeskelims der Qashqai- und Lori-Nomaden, aus dem kurdischen Westiran die feinen Gewebe von Senneh, aus dem Norden Afghanistans die erdigen Afghan-Kelims und die farbenfrohe Marktware aus Maimene. Die anatolische Türkei steuert die Gebetskelims mit Mihrab-Nische bei, der Kaukasus seine drachen- und tierbesetzten Rautengitter. Viele dieser Stücke entstanden im Umfeld der Nomadenteppiche.
Typische Muster und Farben
Kelim-Muster sind fast immer geometrisch. Weil der Webprozess auf gerade und schräge Kanten festgelegt ist, dominieren Rauten, Sterne, Haken, Kämme, Mäander und stilisierte Tiere, während florale Rundungen selten und nur in feinen Werkstätten wie Senneh angedeutet werden. Viele Motive tragen Bedeutung: der Hakenkranz als Schutz, das Widderhorn für Fruchtbarkeit und Kraft, der Skorpion zur Abwehr. Anders als figurative Stadtteppiche lebt der Kelim von einer abstrakten, oft archaisch wirkenden Bildsprache.
Die Farbpalette richtet sich nach der Region. Südpersische und afghanische Kelims setzen auf warme Erdtöne, auf Rostrot, Terrakotta, Dunkelblau und naturbelassene Wolltöne. Anatolische und kaukasische Stücke arbeiten kontrastreicher mit klaren Rot-, Blau- und Elfenbeintönen. Historisch wurde ausschließlich mit Naturfarben gefärbt, mit Krapp für Rot, Indigo für Blau und Walnussschale für Braun. Den Unterschied zwischen pflanzlichen und synthetischen Farben behandelt der Beitrag Naturfarben erkennen.
Material und Webtechnik
Die Kette eines Kelims wird aus starker Schurwolle oder Baumwolle gespannt. Der musterbildende Schuss besteht aus gefärbter Wolle, bei den edelsten Stücken aus Seide. Es gibt keinen Flor, weil keine Wollknoten um die Kette gelegt werden. Stattdessen läuft der Schussfaden in Leinwandbindung abwechselnd über und unter den Kettfäden und deckt sie vollständig ab. Das Gewebe ist schussgesichtig, also von den dichten Querfäden bestimmt.
Das Muster entsteht, indem jeder Farbschuss nur in seinem eigenen Feld hin- und hergeführt wird. Wo zwei Felder senkrecht aneinandergrenzen, bleibt ein kleiner Schlitz, der der Schlitzwirkerei ihren Namen gibt. Dieser Schlitz ist kein Mangel, sondern das sicherste Echtheitsmerkmal eines klassischen Kelims. Zu lange Öffnungen werden durch Verzahnen der Schüsse, das sogenannte Dovetailing, oder durch diskretes Vernähen vermieden. Weil dem Kelim der schwere Wollpol fehlt, ist er leichter als ein geknüpfter Teppich, faltbar und vollständig wendbar. Die Fransen sind die verlängerten Kettfäden, nicht nachträglich angenäht.
Webdichte und Qualität
Statt einer Knotenzahl beschreibt man die Feinheit eines Kelims über die Schussdichte, also die Zahl der Schussfäden pro Zentimeter, sowie über die Feinheit der Garne und die Sauberkeit der Kanten. Je dichter und gleichmäßiger der Schuss eingeschlagen ist, desto präziser lassen sich Muster zeichnen und desto stabiler liegt das Gewebe. Grobe nomadische Marktware zeigt einen lockeren Schuss und größere Felder, feine Provenienzen wie Senneh erreichen eine dichte, fast teppichartige Struktur mit kleinteiligen Mustern.
Über die Webdichte hinaus entscheiden Wollqualität, Garnverarbeitung und Färbung über den Rang eines Stücks. Handgesponnene Wolle mit natürlichem Lanolinanteil, satte Naturfarben mit lebendigem Abrash und gerade, fest gefasste Kanten kennzeichnen ein gutes Gewebe. Da der Kelim keinen Flor hat, der Gebrauchsspuren verdeckt, treten Unregelmäßigkeiten hier deutlicher hervor als beim geknüpften Teppich, was die handwerkliche Sorgfalt umso wichtiger macht.
Kelim-Typen im Vergleich
| Typ | Herkunft | Webdichte | Typische Merkmale |
|---|---|---|---|
| Kelim Fars | Südiran, Qashqai und Lori | mittelfein bis grob | kräftige Stammesmotive, warme Erdtöne |
| Kelim Senneh | Sanandaj, Westiran (kurdisch) | sehr fein, extrem dicht | Boteh- und Herati-Muster, präziser Schlitzwirk |
| Kelim Afghan | Nordafghanistan | mittel bis grob | Streifen und Rauten, tiefe Rottöne |
| Kelim Maimene | Faryab, Nordafghanistan | mittel bis grob | turkmenische Guls, lebendige Rot- und Blautöne |
| Kelim Seide | Hereke, Kashan, Kaschmir | feinste Struktur | Seidenschuss, hoher Glanz, dekorative Stücke |
| Anatolischer Kelim | Türkei | mittel bis fein | Mihrab-Nische, Sternmedaillons, klare Farben |
Was ist ein Kelim wert?
Den Wert eines Kelims bestimmen Feinheit der Webung, Reinheit der Naturfarben, Alter, Erhaltung und gestalterische Qualität. Ein feiner Senneh-Kelim oder ein alter anatolischer Gebetskelim erzielt deutlich mehr als grobe Marktware, und reine Seidenkelims stehen an der Spitze. Junge, kommerziell gewebte Stücke aus Schafwolle bewegen sich dagegen im erschwinglichen Bereich und werden vor allem als robuste Gebrauchsstücke gekauft. Eine Einordnung, warum Handarbeit ihren Preis hat, gibt Warum echte Teppiche teuer sind; den Einfluss der Farbstoffe behandelt Naturfarben gegen Chemiefarben. Vor dem Kauf lohnt der Blick in die Kaufberatung.
Woran erkennt man einen echten Kelim?
Ein echter, handgewebter Kelim zeigt mehrere klare Merkmale:
- Schlitze an den Farbgrenzen: Kleine senkrechte Öffnungen, wo zwei Farbfelder aneinanderstoßen, sind das sicherste Zeichen echter Schlitzwirkerei.
- Beidseitig gleiches Muster: Vorder- und Rückseite sehen nahezu identisch aus, der Kelim ist voll wendbar.
- Kein Flor: Die Oberfläche ist flach und glatt, es gibt keinen samtigen Pol und keine sichtbaren Knotenreihen.
- Fransen als Kettenden: Die Fransen sind die verlängerten Kettfäden, nicht nachträglich angenäht.
- Handarbeit und Abrash: Leicht wellige Kanten, handgesponnene Wolle und der natürliche Farbwechsel Abrash sprechen für ein authentisches Stück.
Maschinengewebte Imitationen wirken dagegen perfekt gleichmäßig und zeigen auf der Rückseite oft Klebeschichten oder durchlaufende Fäden. Die vollständige Anleitung steht unter Ist mein Teppich echt? im Bereich Orientteppich erkennen.
Pflege
Kelims sind dünn und leichter zu handhaben als geknüpfte Teppiche, reagieren aber empfindlicher auf Nässe, weil die flache Struktur Flüssigkeit rasch aufnimmt. Im Alltag genügt regelmäßiges, vorsichtiges Saugen mit reduzierter Saugkraft und ausgeschalteter Bürstwalze; viele Stücke lassen sich auch einfach ausschütteln. Kleine Flecken werden mit einem leicht feuchten Tuch und mildem Mittel behandelt, größere Verschmutzungen gehören in die professionelle Reinigung. Wenden Sie den Kelim regelmäßig, das verteilt die Abnutzung auf beide Seiten. Die vollständigen Routinen stehen in der Pflegeübersicht.
Häufige Fragen
Ist ein Kelim ein echter Teppich?
Ja. Ein Kelim ist ein vollwertiger, traditionell handgefertigter Teppich, nur eben gewebt statt geknüpft. Er hat keinen Flor, sein Muster entsteht durch farbige Schussfäden, und er ist beidseitig nahezu gleich gemustert. Dadurch ist er dünn, leicht und wendbar. Die Technik ist von Marokko bis Zentralasien verbreitet und älter als das Knüpfen.
Was ist der Unterschied zwischen Kelim und geknüpftem Teppich?
Ein geknüpfter Teppich hat einen Flor aus einzelnen Wollknoten und ist nur einseitig nutzbar. Ein Kelim hat keinen Flor und keine Knoten, sondern entsteht durch verwebte Schussfäden. Er ist dünn, flach und auf beiden Seiten gleich gemustert. Deshalb dominieren beim Kelim geometrische Muster, während florale Rundungen selten sind.
Welcher Kelim ist der feinste?
Der Kelim Senneh aus Sanandaj gilt traditionell als der feinste persische Kelim mit extrem dichter Webung. Bei den Seidengeweben übertreffen ihn die Seiden-Kelims aus Hereke und Kashan an Detailfülle und Glanz.
Woher kommen Kelims?
Kelims stammen aus einem großen Gürtel von Marokko über die Türkei und den Kaukasus bis nach Persien, Afghanistan und Zentralasien. Bekannte Typen sind der südpersische Kelim Fars, der feine kurdische Kelim Senneh, der erdige Kelim Afghan und die anatolischen Gebetskelims der Türkei.
Kann man einen Kelim wenden?
Ja. Da der Kelim keinen Flor hat und auf beiden Seiten nahezu identisch gemustert ist, lässt er sich vollständig wenden. Das regelmäßige Wenden verteilt die Abnutzung gleichmäßig und verlängert die Lebensdauer.
Sind die Schlitze im Kelim ein Mangel?
Nein. Die senkrechten Schlitze entstehen durch die traditionelle Schlitzwirkerei, bei der jeder Farbschuss nur in seinem Feld läuft. Sie sind das sicherste Echtheitsmerkmal, kein Defekt. Zu lange Schlitze werden beim Weben verzahnt oder nachträglich diskret vernäht.
Wie pflege ich einen Kelim richtig?
Saugen Sie den Kelim vorsichtig mit reduzierter Saugkraft und ausgeschalteter Bürstwalze, kleinere Stücke lassen sich auch ausschütteln. Kleine Flecken mit einem leicht feuchten Tuch und mildem Mittel behandeln, größere Verschmutzungen professionell reinigen lassen, da die dünne Struktur schnell durchnässt. Eine Antirutschunterlage schützt auf glatten Böden.
Verwandte Stile
Kelim Fars
Fars-Kelims werden von Qashqai- und Lori-Nomaden in Südiran gewebt und zeigen lebhafte Stammesmotive.
Kelim Afghan
Afghanische Kelims sind gewebte Flachteppiche mit geometrischen Mustern in erdigen Farbtönen.
Kelim Senneh
Senneh-Kelims aus Sanandaj gelten als die feinsten kurdischen Flachgewebe mit extrem dichter Webstruktur.
Kelim Maimene
Maimene-Kelims aus Nordafghanistan zeigen markante geometrische Muster in kräftigen, erdigen Rottönen.
Kelim Seide
Seiden-Kelims sind die edelsten Flachgewebe, leicht, glänzend und mit feinsten Musterdetails.