Symbole und Muster
Muster im Orientteppich sind selten Zufall. Jedes Motiv hat eine Geschichte, oft eine religiöse oder mythologische Bedeutung, manchmal auch nur einen praktischen Ursprung. Diese Seite zeigt die wichtigsten Symbole und woher sie kommen.
#Warum Muster im Orientteppich nie Zufall sind
Ein klassischer Orientteppich erzählt mehrere Geschichten gleichzeitig. Das zentrale Medaillon, die Bordüre, einzelne Motive im Mittelfeld, kleine Symbole in den Eckzwickeln. Jede Schicht hat ihre eigene Tradition, oft Jahrhunderte alt.
Manche Motive stammen aus der vorislamischen Zeit, andere aus dem Sufismus, wieder andere aus der Volksreligion bestimmter Stämme. Wer ein Motiv kennt, kann oft die Region eines Teppichs ablesen, manchmal sogar den Stamm oder die Werkstatt.
Eine vollständige Mustersymbolik gibt es nicht, dazu sind die Traditionen zu verzweigt. Aber die wichtigsten Motive begegnen Ihnen immer wieder, und ihre Bedeutung lohnt sich zu kennen.
#Boteh: das ewige Paisley

Foto: Wikimedia Commons
Das Boteh ist das vielleicht bekannteste Motiv des Orientteppichs. Eine tropfenförmige, oft gekrümmte Figur mit gebogener Spitze, häufig kleiner als ein Handballen, in Reihen oder Mustergruppen über die Teppichfläche verteilt.
Im Westen heißt das Motiv Paisley, nach der schottischen Stadt, die im 19. Jahrhundert riesige Mengen importierter Kaschmirschals mit diesem Muster vertrieb. Der persische Ursprung liegt deutlich früher. Boteh bedeutet auf Farsi schlicht „Strauch" oder „Knospe" und symbolisiert in vielen Auslegungen die Lebenskraft, manchmal auch die zoroastrische Ewige Flamme.
In persischen Teppichen aus Sarough, Hamadan und Sirjan ist es das Leitmotiv. Die nordindische Variante des Botehs zieht in der Spitze stärker zur Seite und wirkt dadurch fließender.
#Gül: das Stammessymbol
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Der Gül (auch Göl, Gol, Khol) ist ein oktogonales oder rautenförmiges Stammessymbol, das vor allem in turkmenischen Teppichen die Mittelfläche füllt. Jede turkmenische Stammesgemeinschaft entwickelte über Generationen ihren eigenen Gül, der so charakteristisch ist, dass ein Teppichexperte den Stamm allein am Gül erkennen kann.
Die wichtigsten Varianten: Tekke-Gül (oktogonal, in vier Quadranten geteilt), Yomut-Gül (rautenförmig, oft heller im Zentrum), Salor-Gül (achteckig mit innerem Doppel-Z) und Ersari-Gül (gröber, oft mit Hakenkreuz-Symbolen, das hier als altes solares Schutzzeichen verwendet wird, nicht in der politischen Bedeutung des 20. Jahrhunderts).
Der Gül ist ein dynastisches Wappen ohne Krone, das in Teppich, Yurte und Satteldecke wiederkehrt.
#Herati und Mahi: Fisch im Wasser
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Das Herati-Muster, auch Mahi (Farsi: „Fisch") genannt, ist ein durchgehendes Allover-Muster aus einer zentralen Rosette, die von einer rautenförmigen Umrahmung mit vier gebogenen Blättern umgeben ist. Die Blätter erinnern in ihrer Form an Fische, daher der zweite Name. Die Symbolik geht auf das Bild eines Sees mit Wasserpflanzen und Fischen zurück.
Das Herati ist eines der ältesten und am weitesten verbreiteten persischen Muster und prägt vor allem die Teppiche aus Bidjar, Senneh, Täbriz und Hamadan. Es eignet sich besonders gut für Großformate, weil sich das Muster gleichmäßig in jede Richtung fortsetzt, ohne ein dominantes Zentrum zu brauchen.
#Mihrab: der Gebetsbogen
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Der Mihrab ist eine bogenförmige Nische, die in der Moschee die Gebetsrichtung nach Mekka anzeigt. In persischen, türkischen und kaukasischen Gebetsteppichen (Namaz oder Sajada) bildet der Mihrab das Hauptmotiv: ein Bogen am oberen Ende des Teppichs, oft mit hängender Lampe oder Wasserkanne, manchmal mit einem stilisierten Lebensbaum darin. Beim Gebet richtet der Gläubige den Mihrab nach Mekka aus und kniet darunter.
Klassische Gebetsteppiche stammen aus Ladik, Ghiordes, Konya, Maslagan, Senneh und vielen kurdischen Werkstätten. Die Bogenform variiert deutlich: spitz, rund, gestuft, manchmal doppelt. Auch die Größe ist standardisiert auf Maße, die das Knien einer Person erlauben.
#Lebensbaum und Schutzsymbole
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Der Lebensbaum ist eines der ältesten Motive der Menschheitsgeschichte und reicht in Mesopotamien bis ins dritte vorchristliche Jahrtausend zurück. Im Orientteppich erscheint er als stilisierter Baum mit verzweigten Ästen, oft mit Vögeln, manchmal mit Blüten oder Früchten. Er steht für Fruchtbarkeit, Verbindung zwischen Himmel und Erde und das Paradies.
Daneben gibt es eine ganze Reihe kleinerer Schutzsymbole, die in Bordüren, Eckzwickeln oder als Füllelemente erscheinen. Der „böse Blick" als Auge oder konzentrische Kreise. Der Skorpion als Schutz vor Unfall. Das stilisierte Schaf als Verheißung von Wohlstand. Der Hahn als Bote des Tageslichts.
Diese Symbole sind so alt wie der Teppich selbst und überleben in den Knüpftraditionen der nomadischen Stämme bis heute.