Naturfarben erkennen
Naturfärbung ist heute ein Premium-Merkmal am Orientteppich. Sie sieht in vielen Fällen ähnlich aus wie chemische Färbung, altert aber völlig anders. Wer den Unterschied erkennen will, prüft an vier Punkten. Diese Seite führt Sie durch die Tests.
#Test 1: Wie verläuft die Patina in der Knotenwurzel?
Der zuverlässigste Test, weil er nur an echten Naturfärbungen funktioniert. Drücken Sie den Flor an einer kräftig gefärbten Stelle auseinander, sodass Sie die Knotenwurzel sehen, also den Punkt, an dem der Knoten am Grundgewebe sitzt.
Bei Naturfärbung ist die Farbe an der Wurzel meist tiefer und satter als an der Florspitze. Der Grund: die Florspitze war über Jahrzehnte Lichteinwirkung ausgesetzt und hat verblasst. Die Wurzel war geschützt und behält die ursprüngliche Pigmentierung.
Bei chemischer Färbung ist die Farbe von Wurzel bis Spitze fast identisch. Synthetische Säurefarben sind lichtechter und verblassen kaum, sodass kein Patinaverlauf entsteht.
Dieser Test funktioniert besonders gut bei Teppichen über 20 Jahre Nutzung. Bei sehr jungen Stücken (unter 5 Jahre) ist der Effekt zu schwach, um zuverlässig erkennbar zu sein.
#Test 2: Was zeigt der Reibetest mit feuchtem Tuch?
Ein zweiter, weniger zuverlässiger Test. Befeuchten Sie ein weißes Tuch mit kaltem Wasser und reiben Sie kräftig über eine kräftig gefärbte Stelle.
Naturfärbung gibt selten Farbe ab, weil der Färbeprozess mehrere Bäder umfasst und die Pigmente fest in die Wolle gebunden sind. Manche sehr alte Naturfärbungen können leichte Spuren abgeben, vor allem Krapp.
Früher Anilinfärbung (1880er bis 1920er Jahre) gibt deutliche Farbspuren, vor allem bei Lila- und Rottönen. Wenn Ihr Teppich Lila-Stiche zeigt und beim Reibetest Farbe abgibt, ist es wahrscheinlich frühe Anilinfärbung.
Moderne synthetische Säurefarben sind lichtecht und reibecht. Sie geben nichts ab, weder bei Naturfärbung noch bei Chemiefärbung. In dem Fall hilft der Test nicht weiter.
Wichtig: dieser Test gibt keinen positiven Beweis für Naturfärbung. Er kann nur frühe Aniline ausschließen.
#Test 3: Wie verändert sich die Farbe im Lichtwechsel?
Naturgefärbte Wolle verändert ihre Wirkung mit dem Licht stärker als chemisch gefärbte. Schauen Sie auf eine Bordüre erst bei kühlem Tageslicht (Nordseite), dann bei warmem Abendlicht.
Naturkrapp wirkt bei kühlem Licht eher kühl-rotbraun, bei warmem Licht warm-orange-rot. Indigo-Blau wirkt bei Tageslicht klar-tiefblau, bei Abendlicht weicher-violett-stichig. Walnuss-Braun wirkt bei Tageslicht erdig, bei Abendlicht warm-honigfarben.
Chemische Säurefarben sind wesentlich konstanter. Sie zeigen den Farbcharakter unabhängig vom Lichteinfall, was technisch ein Vorteil sein kann, aber dem Teppich Lebendigkeit nimmt.
Der Test funktioniert am besten bei mehreren Farbflächen nebeneinander, weil Sie die unterschiedliche Reaktion vergleichen können.
#Test 4: Ist Abrash ein Beweis für Naturfarben?
Naturfärbung produziert immer leichte Chargenschwankungen. Die Auswirkung ist Abrash, also feine streifige Übergänge in einer ansonsten einheitlichen Fläche. Wenn ein Teppich vollkommen einheitliche Farbflächen ohne irgendeinen Abrash zeigt, ist die Wahrscheinlichkeit chemischer Färbung hoch.
Umgekehrt: deutlich sichtbarer Abrash deutet stark auf Naturfärbung hin. Dieser Test ist nicht absolut, aber als Bestätigung der anderen Tests sehr nützlich.
Für endgültige Sicherheit: Labortests auf Anilin oder bestimmte synthetische Pigmente sind über zertifizierte Textiltechnik-Institute möglich. Die Untersuchung ist für hochwertige Stücke sinnvoll, bei denen die Färbung wertentscheidend ist.
Für den Hausgebrauch reichen die ersten vier Tests in fast allen Fällen, um eine zuverlässige Einschätzung zu treffen.
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