Teppich FibelTeppich Fibel

Der Weg eines Teppichs nach Deutschland

Ein neu geknüpfter Orientteppich, den Sie in einem Hamburger Showroom sehen, hat oft eine Reise von sechs Monaten bis zwei Jahren hinter sich. Die Strecke geht durch sechs Hände, drei Länder und mindestens drei Transportarten. Diese Seite zeichnet die typische Route eines persischen Teppichs nach, weil das Wissen um die Reise viel über den Wert eines fertigen Stücks erklärt.

#Station eins: Werkstatt oder Dorfweber

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Die Reise beginnt vor dem Knüpfen. Ein Teppich braucht Wolle, gefärbtes Garn und einen Auftrag, je nach Werkstatt entweder von der Familie selbst, von einem regionalen Manufakturbesitzer oder von einem Großhändler aus Tehran oder Tabriz.

In Werkstattorten wie Nain, Isfahan oder Täbriz sind die Strukturen mittelständisch. Eine Manufaktur betreibt zehn bis vierzig Knüpfstühle, beschäftigt Knüpferinnen und Lehrlinge, und kalkuliert pro Auftrag.

In Dorfgegenden wie Hamadan, im Heriz-Distrikt oder bei den Qaschqai läuft es anders. Die Knüpferinnen arbeiten zu Hause, oft an einem Stuhl pro Familie, und verkaufen den fertigen Teppich an einen Mittler, der das Dorf alle zwei oder drei Wochen abfährt. Pro Familie ein bis vier Teppiche im Jahr.

Für einen Salonteppich von 200 × 300 Zentimetern, das ist die typische Wohnzimmergröße in Mitteleuropa, knüpft eine Familie zwischen sechs und vierzehn Monaten.

#Station zwei: Sammlung im Bazar

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Der Mittler bringt die fertigen Stücke in den nächsten regionalen Bazar. In Persien sind das vor allem die Bazare von Tabriz, Mashhad, Isfahan, Schiraz und Tehran. Jeder dieser Bazare hat einen eigenen Teppichflügel, oft Hunderte von kleinen Läden, in denen Händler kaufen und weiterverkaufen.

Der Bazar von Tabriz ist seit dem 13. Jahrhundert ein zentraler Knotenpunkt für Teppiche zwischen Persien und Europa. Der gesamte Komplex ist seit 2010 UNESCO-Welterbe, und der Teppichflügel allein erstreckt sich über mehrere Karawansereien aus dem 17. bis 19. Jahrhundert.

Der Großhändler kauft hier oft in Zwischenstücken, also Mengen von zehn oder zwanzig Teppichen, sortiert nach Qualität und Größe. Hier entsteht zum ersten Mal eine Liste, die später für Zoll und Versicherung in Hamburg eine Rolle spielen wird.

#Station drei: Tehran als Drehscheibe

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Aus den Provinzbazaren laufen die meisten Teppiche durch Tehran. Im Süden der Hauptstadt sitzen die großen Exportgesellschaften, traditionell um den Großen Bazar herum. Sie sortieren noch einmal, machen Fotos, prüfen Knotendichte, und verpacken für den Export.

Die Verpackung ist nicht nebensächlich. Eine Teppichrolle wird zunächst in Pergament oder Naturpapier eingeschlagen, dann in eine Außenhülle aus Jute oder seit den 1990er Jahren auch grobem Polypropylen. Ein Etikett mit Größe, Knotendichte, Provenienz und einer fortlaufenden Nummer geht an die Hülle. Die Nummer begleitet den Teppich bis zum Endkunden.

Vom Exporteur in Tehran geht die Ware per Lkw entweder nach Westen Richtung Türkei oder per Luftfracht ab Imam-Khomeini-Flughafen.

#Station vier: Transport nach Hamburg

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Bis in die 1970er Jahre fuhr ein großer Teil der Teppiche per Schiff über Bandar Abbas am Persischen Golf, um Arabien herum, durch den Suezkanal, durchs Mittelmeer und über Gibraltar in die Nordsee. Sechs bis zehn Wochen Seereise, je nach Saison und Liegezeit.

Mit der iranisch-irakischen Krise ab 1980 wurde diese Route unsicher. Heute laufen die meisten Teppiche per Lkw von Tehran über Istanbul nach Mitteleuropa, oder per Containerfracht ab türkischen Häfen. Eine kleinere Menge geht per Luftfracht, vor allem teure Seidenteppiche und Sonderbestellungen.

In Hamburg landet die Ware am Hafen, im Container, mit Frachtbrief und Zollanmeldung. Was als Endbestimmung Speicherstadt eingetragen ist, wird über kurze Lkw-Strecken weitergefahren, die wenigen Kilometer vom Hafenrand bis in die Speicher.

#Station fünf: Wäsche und Reparatur in Hamburg

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Bevor ein neuer Teppich in den Verkauf geht, wird er in Hamburg gewaschen. Das ist keine reine Hygienemaßnahme, sondern ein gestalterischer Eingriff. Die Wäsche zieht den letzten Knüpfschmutz heraus, gleicht die Färbungen optisch aus und gibt dem Teppich den weichen Schimmer, den europäische Käufer als orientalisch empfinden.

Die Hamburger Wäscherei arbeitet mit Süßwasser aus dem Trinkwassernetz, das mittelhart ist und sich für Wolle gut eignet. Dazu kommen milde, oft pflanzliche Waschmittel und in manchen Häusern eine kurze Walknussbehandlung. Nach der Wäsche wird der Teppich auf einem Boden gespannt und langsam getrocknet, oft über Tage.

Reparaturen folgen direkt. Fransen werden geknotet, Kanten neu eingewebt, lose Knoten gesichert. Eine erfahrene Reparaturknüpferin schafft 100 bis 300 neue Knoten am Tag. Bei einem mittelgroßen Teppich heißt das bei kleinen Schäden ein bis zwei Tage Arbeit.

#Station sechs: Showroom und Käufer

Vom Lager in den Showroom geht der Teppich in der Regel gerollt und in Schutzpapier. Im Showroom wird er entrollt, kontrolliert, mit Etikett versehen und auf einer Stange oder in einer Auslage präsentiert.

Käufer wählen meist nicht das erste Stück, das sie sehen. In einem gut sortierten Showroom werden zwei bis fünf Teppiche herausgesucht, ausgerollt, verglichen, an unterschiedlichen Stellen probiert. Diese letzte halbe Stunde der Reise, vom Stapel zum Wohnzimmerboden, ist die kürzeste und gleichzeitig die kritischste, weil sie die Entscheidung bestimmt.

Für den Käufer wird die Reise selten sichtbar. Was am Ende auf dem Boden liegt, ist Wolle, Farbe und Knotenstruktur. Aber das Stück hat sechs Monate hinter sich, drei Länder gesehen, und vermutlich mehr Hände durchlaufen als der Käufer im Schnellrestaurant in einem Jahr berührt. Das gehört zur Geschichte jedes echten Orientteppichs.

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