Teppichlager in der Speicherstadt
Ein Lager für Orientteppiche ist kein Möbellager mit Teppichen darin. Es ist ein eigener Bauwerkstyp mit eigener Logik. Diese Seite zeigt, warum die Speicher Hamburgs für genau diese Aufgabe gebaut wurden und welche dieser Eigenschaften bis heute den Unterschied machen.
#Klima durch Material
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Die Speicher der Speicherstadt sind aus rotem Backstein auf Eichenpfählen gebaut. Das ist nicht nur Hamburger Tradition, sondern Bauphysik. Backstein nimmt Feuchtigkeit langsam auf und gibt sie langsam ab. Eichenholz unter Wasser fault nicht, sondern verhärtet. Beides zusammen ergibt einen Lagerraum mit erstaunlich konstantem Klima, ohne dass jemals Klimatechnik nötig war.
Für Wollteppiche ist das ideal. Wolle nimmt bis zu 30 Prozent ihres Eigengewichts an Feuchtigkeit auf, ohne sich nass anzufühlen. In einem zu trockenen Raum wird sie spröde, in einem zu feuchten setzt sie Stockflecken an. Die Speicher pendeln sich auf etwa 50 bis 60 Prozent relative Feuchte ein und halten zwischen 10 und 18 Grad Celsius je nach Jahreszeit. Das ist genau das Fenster, in dem orientalische Wollteppiche stabil bleiben.
Für Seidenteppiche ist das Klima sogar wichtiger. Seide reagiert auf trockene Luft mit Sprödigkeit, auf zu feuchte mit Verlust an Glanz. Die Speicher sind hier ein passiver Schutz, ohne Stromrechnung.
#Bauhöhe für Stapel
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Wer einmal Teppiche transportiert hat, weiß: Sie werden gerollt, nicht gefaltet. Eine Falte hinterlässt nach Wochen einen Knick, der sich kaum noch herausarbeiten lässt. Die Speicher der Speicherstadt haben Decken zwischen 4 und 5 Meter Höhe. Dadurch lassen sich Teppichrollen aufrecht stellen, mit einer Stütze in der Mitte, ohne dass sie sich mit dem Eigengewicht verformen.
In niedrigen Lagern müsste man Teppiche flach stapeln, mit Polstern dazwischen. Das funktioniert für 5 Stück, ab 50 Stück wird es problematisch. Die Speicher waren von Anfang an für hohe Stückzahlen ausgelegt, weil Tee- und Tabaksacks ähnliche Anforderungen hatten.
#Lastenwinden in jeder Etage
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Die schwarzen, gusseisernen Schwenkarme, die aus den Fassaden der Speicher ragen, sind keine Dekoration. Es sind Lastenwinden. Sie wurden zwischen 1885 und 1910 verbaut, anfangs handbetrieben mit Trommel und Seilzug, später mit Elektromotor. Eine einzelne Winde hebt 500 bis 1.000 Kilo, je nach Modell und Etage.
Für Teppiche war das die einzig praktikable Methode. Eine Rolle eines schweren Bidjar oder Heriz wiegt zwischen 30 und 80 Kilogramm. Drei Mann tragen sie über eine Treppe in die zweite Etage, fünf Mann in die vierte. Mit einer Lastenwinde geht ein Mann an den Hebel, ein zweiter führt die Rolle in das Fenster der Zieletage. Zwei Minuten pro Rolle, bei Großhandelsmengen kein zusätzliches Wochenende.
Die meisten Lastenwinden sind heute stillgelegt, einige werden als Denkmäler gepflegt. In manchen Gebäuden funktionieren sie noch und werden für genau diesen Zweck genutzt.
#Trennung der Funktionen
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Ein Speicher hatte und hat nie nur eine Funktion. Im Erdgeschoss waren die Kontorräume mit Schreibtisch, Karteikästen und Kasse. Hier wurden Verträge geschlossen, Frachtbriefe ausgestellt, Versicherungspolicen geführt. Dahinter Verladerampe und Hofausgang.
In der ersten Etage lagerten oft die wertvollsten oder häufigsten Stücke, die sofort gezeigt werden mussten. Hier saßen auch die Sortierer, die ankommende Ware nach Stilgruppe, Größe und Qualität trennten.
Die zweite und dritte Etage waren das Hauptlager. Lange Reihen aufgerollter Teppiche, mit Etiketten an einer Seite. In den oberen Etagen, vier und fünf, wurde repariert und gewaschen. Wasser oben statt unten, weil ein eventueller Wasserschaden so weniger Ware getroffen hätte.
Diese Schichtung ist in den meisten Speichern noch ablesbar. Wer in einen Speicher tritt, der heute teils als Showroom, teils als Lager genutzt wird, sieht die Logik der Gründerzeit fortleben.
#Wasser zwischen den Häusern
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Die Speicherstadt ist keine Straßenanlage, sondern eine Wasseranlage. Zwischen jedem Block fließt ein Fleet, also ein schmaler, durch die Tide schwankender Wasserarm. Auf diesen Fleeten fuhren bis in die 1960er Jahre Schuten, kleine flache Lastkähne ohne eigenen Antrieb.
Waren wurden vom großen Hafenbecken in die Schute geladen, durch das Fleet bis vor das jeweilige Speichertor gezogen, und dort über die Lastenwinde nach oben gehoben. Die Schute brauchte keinen Lkw, der Lkw brauchte keinen Hafenkran. Die Logistik war für Hamburger Verhältnisse erstaunlich kompakt.
Für Teppiche bedeutete das in der Praxis: Eine Lieferung Smyrna-Ware konnte um 9 Uhr morgens am Hauptkai entladen werden und um 11 Uhr in der dritten Etage des Speichers liegen, ohne dass das Bündel die Straße gesehen hätte. Heute befahren keine Schuten mehr die Fleete, aber die Architektur erinnert daran, wie effizient diese Logistik war.
#Was das heute praktisch heißt
Ein Teppich, der in einem Speicher der Speicherstadt liegt, profitiert immer noch von der Bauphysik des 19. Jahrhunderts. Stabiles Klima, hohe Decken für senkrecht aufgestellte Rollen, dicke Mauern als Brand- und Diebstahlschutz, und die ruhige Atmosphäre eines Gebäudes, das nicht mit Wohnnutzung konkurriert.
Für Käufer ist das selten direkt sichtbar, aber im Material zu spüren. Ein lange korrekt gelagerter Teppich riecht nicht nach Keller, knickt nicht beim Entrollen, und behält seine Farbintensität, weil weder direktes Sonnenlicht noch Heizungsluft an ihn herankommen.
Das ist kein Vorteil, der sich beim Online-Kauf nüchtern in einer Produktbeschreibung verkaufen lässt. Aber es ist einer der Gründe, warum Hamburger Lagerung in der Branche bis heute einen Klang hat.
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