Geschichte des Teppichhandels in Hamburg
Hamburg ist keine offensichtliche Teppichstadt. Es gibt keine Knüpftradition vor Ort, keine Wollwirtschaft im Umland, keine alte Bindung an Persien oder Anatolien. Und trotzdem war Hamburg über mehr als hundert Jahre der wichtigste Umschlagplatz für Orientteppiche in Mitteleuropa. Diese Geschichte beginnt nicht mit Teppichen, sondern mit Tee.
#Vom Tee zum Teppich
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Im 19. Jahrhundert war Hamburg eine der drei großen Hafenstädte Europas, neben London und Rotterdam. Was über die Elbe kam, war zuerst Tee aus China und Indien, Tabak aus den Karibikstaaten, Kaffee aus Brasilien, Gewürze aus Ceylon. Teppiche tauchen in den Frachtlisten erst ab den 1860er Jahren regelmäßig auf, und zwar als Beifracht.
Der entscheidende Punkt: ein Schiff, das aus Smyrna oder Konstantinopel mit Tabak und Feigen anlandete, hatte Platz übrig. Teppiche füllten diesen Platz. Sie waren leicht, ließen sich rollen und stapeln, und in Hamburg standen Käufer bereit, die für orientalische Stücke immer mehr Geld auszugeben begannen.
Das industrielle Bürgertum entdeckte den Orientteppich in den 1860er und 1870er Jahren als Statussymbol. Ein Smyrna-Teppich im Salon, ein Heriz im Speisezimmer, ein Bidjar im Arbeitszimmer. Die Hamburger Handelshäuser, die schon Tee und Tabak importierten, ergänzten ihr Sortiment um diese neue, lukrative Ware.
#Der Freihafen und die Speicherstadt
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1888 trat Hamburg dem Deutschen Zollverein bei. Im selben Jahr wurde der Freihafen eröffnet, ein zollrechtliches Gebiet, in dem Waren ohne Einfuhrabgaben gelagert, sortiert, umgepackt und reexportiert werden konnten. Ohne Freihafen kein Speicherstadt-Komplex, ohne Speicherstadt kein Hamburger Teppichhandel in der Form, die das 20. Jahrhundert geprägt hat.
Der Vorteil für Teppiche war konkret. Eine Ladung Hereke-Teppiche aus dem Osmanischen Reich konnte in Hamburg eintreffen, im Speicher lagern, gewaschen und repariert werden, und erst beim Verkauf in Berlin oder Wien Zoll auslösen. Was nach Skandinavien oder Russland weiterverkauft wurde, blieb zollfrei.
Die Speicher selbst waren genau für diese Logik gebaut. Hohe Lagerräume mit kleinen Fenstern für gleichmäßiges Klima, Lastenwinden in jeder Etage für das Heben gerollter Teppiche, separate Wasch- und Reparaturböden, und Kontorräume zur Straßenseite hin für die Geschäftsabschlüsse. Manche dieser Lastenwinden funktionieren bis heute.
#Die ersten Handelshäuser
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Die Hamburger Teppichhändler der Gründerzeit waren keine Einzelkämpfer, sondern oft Handelsgesellschaften mit Filialen in Smyrna, Tiflis, Täbris und Konstantinopel. Sie kauften vor Ort ein, ließen die Ware nach Hamburg verschiffen, und verkauften an Möbelgeschäfte und Privatkunden in ganz Mitteleuropa.
Namen wie Engelhard, Behrens und später Rosenthal sind aus den Hamburger Adressbüchern um 1900 zu rekonstruieren. Die meisten dieser Häuser hatten eigene Einkäufer in Persien, die Wochen mit dem Maultier durch die Provinzen reisten, um in Dorfwerkstätten und kleinen Manufakturen Teppiche zu sichten. Die guten Stücke gingen sofort nach Hamburg, die schwächeren wurden in Smyrna oder Konstantinopel weiterverkauft.
Dieses Modell hielt sich bis in die 1970er Jahre, mit Brüchen durch zwei Weltkriege und die iranische Revolution 1979.
#Die Wäscherei und Reparaturböden
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Was viele nicht wissen: Ein Großteil der Wertschöpfung passierte in Hamburg, nicht im Ursprungsland. Ein neuer persischer Teppich kam aus dem Iran oft erdig, mit Knickstellen vom Versand und mit ungleichmäßiger Patina. In den Hamburger Speichern wurde er gewaschen, manchmal mehrfach, gestreckt, getrocknet, und auf Schäden geprüft.
Die Wäscherei war eine eigene Disziplin. Walknüsse, Galläpfel, in manchen Häusern auch verdünnte Säuren, dazu literweise Hamburger Leitungswasser, das mit seiner mittelharten Zusammensetzung überraschend gut für Wollteppiche geeignet war. Die Färbungen verloren ihre rohe Schärfe und gingen in den warmen Ton über, den europäische Käufer als orientalisch empfanden.
Reparaturen kamen dazu. Fransen wurden geknüpft, Kanten neu eingewebt, Löcher geschlossen. Eine kleine Reparaturwerkstatt brauchte zwei oder drei erfahrene Knüpferinnen. Die größeren Häuser beschäftigten zehn und mehr.
#Krieg, Wiederaufbau und der zweite Boom
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Die Speicherstadt wurde im Zweiten Weltkrieg zu fast der Hälfte zerstört. Was übrig blieb, wurde in den 1950er Jahren wieder hergerichtet, mit den charakteristischen Originalbacksteinen, soweit sie sich aus dem Schutt holen ließen. Der Teppichhandel kehrte zurück, jetzt unter neuen Bedingungen.
Der zweite Boom kam in den 1960er und 1970er Jahren mit dem Wirtschaftswunder. Ein Wohnzimmer ohne Perserteppich galt als unfertig. Hamburger Importeure waren wieder die zentrale Drehscheibe, jetzt mit Containerschiffen statt Schoner und mit Direktflügen nach Teheran. Bis 1979.
Die iranische Revolution 1979 und der iranisch-irakische Krieg ab 1980 unterbrachen die Lieferkette für mehr als ein Jahrzehnt. Türkische, afghanische und nepalesische Manufakturen sprangen ein. Der Hamburger Handel blieb, aber das Geschäft wurde diverser. Heute liegen in den Speichern persische Tabriz, türkische Kayseri, afghanische Kelims und nepalesische Tibet-Teppiche nebeneinander.
#Was davon heute noch da ist
Die meisten klassischen Hamburger Handelshäuser existieren nicht mehr in der Form von 1900. Die Globalisierung hat den Direktimport überall möglich gemacht, das Internet hat die Kunden direkter mit den Werkstätten verbunden, und der Generationswechsel hat viele Familienbetriebe geschlossen.
Was geblieben ist: einige spezialisierte Häuser in der Speicherstadt selbst, die heute mit der gleichen Kombination aus Lager, Wäscherei, Reparatur und Showroom arbeiten wie vor hundert Jahren. Die Lastenwinden ziehen die Ware noch immer in die oberen Stockwerke. Die Backsteinmauern halten die Temperatur konstant. Die Fleete sind keine Wasserwege mehr für Schuten, aber das Echo der alten Logistik ist im Bauwerk eingeschrieben.
Für Käufer macht das einen praktischen Unterschied. Ein Teppich, der in Hamburg gelegen hat, ist meist gewaschen, repariert und qualitätsgeprüft, bevor er in den Verkauf geht. Das ist kein Marketingversprechen, sondern eine Tradition, die in den Räumen sichtbar bleibt.
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